Besucherführer für die Gedenkstätte für die Sinti und Roma Opfer des Nationalsozialismus in Berlin: Erinnerung an die Vergessenen
Das Denkmal für die Sinti und Roma Opfer des Nationalsozialismus in Berlin ist eine eindrucksvolle Hommage an eine lange übersehene Tragödie. Es ist dem Gedenken an die 220.000 bis 500.000 Sinti und Roma gewidmet, die während des Zweiten Weltkriegs vom Nazi-Regime ermordet wurden, und bietet einen Ort der Besinnung, Bildung und Erinnerung.
In diesem Beitrag bieten wir Ihnen einen ausführlichen Leitfaden für den Besuch der Gedenkstätte. Wir beleuchten ihre Geschichte, Gestaltung und Symbolik und geben Ihnen Tipps, wie Sie Ihren Besuch optimal gestalten können. Ganz gleich, ob Sie zum ersten Mal hier sind oder Ihr Verständnis vertiefen möchten – dieser Leitfaden hilft Ihnen, sich intensiv mit dieser bedeutenden Stätte auseinanderzusetzen.
Deportation von Sinti und Roma in Asperg, Deutschland, 22. Mai 1940
Inhaltsverzeichnis
Was ist das Denkmal für die Sinti und Roma Opfer des Nationalsozialismus?
Das Denkmal befindet sich im Berliner Tiergarten in der Nähe des Reichstagsgebäudes und erinnert an die Sinti und Roma, die vom Nazi-Regime verfolgt und ermordet wurden. Dieser Völkermord, bekannt als Porajmos, wird oft als „der vergessene Holocaust“ bezeichnet.
Außerhalb des Denkmals
Wichtige Fakten zum Denkmal
Widmung: Das Denkmal ist den europäischen Sinti und Roma gewidmet, die zwischen 1933 und 1945 im Nationalsozialismus ermordet wurden.
Eröffnung: Das Denkmal wurde am 24. Oktober 2012 von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck offiziell eröffnet.
Entwurf: Der israelische Künstler Dani Karavan entwarf das Denkmal, dessen Mittelpunkt ein dunkler, kreisförmiger Pool mit einem versenkbaren dreieckigen Stein bildet.
Gedicht: Das Gedicht „Auschwitz” des Roma-Dichters Santino Spinelli ist in Bronze um den Rand des Beckens eingraviert.
Kosten: Die Fertigstellung des Denkmals kostete 2,8 Millionen Euro.
Die Errichtung der Gedenkstätte war eine langjährige Forderung von Sinti- und Roma-Organisationen in Deutschland. Aufgrund von Streitigkeiten über ihre Gestaltung und ihren Standort kam es zu jahrelangen Verzögerungen, bevor schließlich 2008 mit dem Bau begonnen wurde.
Design und Symbolik
Dani Karavans Entwurf zielt darauf ab, einen kontemplativen Raum zu schaffen, der an den immensen Verlust und das Leid der Sinti und Roma erinnert. Zu den wichtigsten Elementen der Gedenkstätte gehören:
Runder Pool: Der dunkle, stille Wasserpool soll unendlich tief wirken und so den unermesslichen Schmerz und die Trauer widerspiegeln, die durch den Völkermord verursacht wurden. Besucher können sich selbst auf seiner Oberfläche spiegeln sehen.
Dreieckiger Stein: Der aus der Mitte ragende Stein steht für die Marken, die die Häftlinge der Konzentrationslager tragen mussten. Sein tägliches Absenken und Anheben mit einer frischen Blume symbolisiert die fortwährende Notwendigkeit des Gedenkens.
Gedicht: Santino Spinellis Gedicht „Auschwitz“, das den Pool umgibt, verleiht der Qual der Opfer mit Zeilen wie „Ausgemergeltes Gesicht / tote Augen / kalte Lippen / still“ Ausdruck.
Geigenmusik: Eine Aufnahme des Stücks „Mare Manuschenge“ („Unser Volk“) des Roma-Komponisten Romeo Franz wird kontinuierlich abgespielt und erinnert an das musikalische Erbe der Sinti und Roma.
Zerbrochene Steine: Grob behauene Steinsplitter, die rund um den Pool in den Boden eingelassen sind, tragen die Namen von Konzentrationslagern und Vernichtungsstätten und symbolisieren die erschütternden Auswirkungen des Völkermords.
Pool mit dem Dreieck-Denkmal und Blumen, die am frühen Morgen auf das Denkmal gelegt wurden.
Zusammen schaffen diese Elemente ein multisensorisches Erlebnis, das Empathie, Trauer und Erinnerung fördert. In Karavans Worten ist das Denkmal „ein Ort der inneren Anteilnahme, ein Ort, um den Schmerz zu spüren, sich zu erinnern und die Vernichtung der Sinti und Roma durch das nationalsozialistische Regime niemals in Vergessenheit geraten zu lassen“.
Geschichte des Porajmos
Der Begriff „Porajmos“ bezieht sich auf den Völkermord an den Sinti und Roma während des Zweiten Weltkriegs. Er stammt aus der Sprache der Roma und bedeutet „verschlingen“ oder „Vernichtung“. Unter der rassistischen Ideologie des Nazi-Regimes wurden die Sinti und Roma neben den Juden zur Verfolgung und Vernichtung auserkoren.
Die Nazis betrachteten die Sinti und Roma als „Asoziale“ und „rassisch minderwertig“. Sie waren diskriminierenden Gesetzen, Internierung, Zwangsarbeit, medizinischen Experimenten und Massenmord in Konzentrationslagern und Vernichtungsstätten ausgesetzt. Schätzungen der Zahl der Todesopfer reichen von 220.000 bis 500.000, was einen erheblichen Teil der Vorkriegsbevölkerung der Sinti und Roma in Europa ausmacht.
Der Porajmos hat die Gemeinschaften der Sinti und Roma zerstört und ihnen ein bleibendes kollektives Trauma zugefügt. In den Jahrzehnten nach dem Krieg wurde dieser Völkermord jedoch in historischen Darstellungen und im öffentlichen Gedächtnis oft marginalisiert. Die Gedenkstätte in Berlin spielt eine wichtige Rolle dabei, das Bewusstsein für den Porajmos zu schärfen und die Opfer und Überlebenden zu ehren.
Zusammenfassung der Roma in Asperg, Deutschland, im Mai 1940
Um die Bedeutung des Denkmals voll und ganz zu verstehen, muss man die Geschichte des Porajmos kennen – den Völkermord der Nazis an den Sinti und Roma. Hier ein kurzer Überblick über diese Verfolgung:
1933: Sinti und Roma in Deutschland sind zunehmender Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt. Einige werden in frühe Konzentrationslager deportiert.
1935: Die Nürnberger Gesetze entziehen Sinti und Roma ihre Bürgerrechte und stufen sie zusammen mit Juden als „Feinde des rassistischen Staates“ ein.
1936: Forscher im Bereich der Rassenhygiene beginnen mit der Veröffentlichung von Berichten, in denen Sinti und Roma als kriminell veranlagt und erblich minderwertig dargestellt werden.
1938–1939: Sinti und Roma werden von der Polizei systematisch registriert. Hunderte werden in Internierungslagern zusammengetrieben.
1940: Beginn der Massenverschleppungen deutscher und österreichischer Sinti und Roma in das besetzte Polen. Viele werden in Ghettos oder zur Zwangsarbeit gezwungen.
1941–1944: Die SS und die Polizei erschießen Tausende Sinti und Roma in Osteuropa. Andere werden in Vernichtungslager wie Auschwitz-Birkenau, Chelmno, Belzec, Sobibor und Treblinka deportiert.
1944: Am 2. und 3. August liquidieren die Nazis das „Zigeunerfamilienlager” in Auschwitz und ermorden fast 3.000 Sinti und Roma in Gaskammern.
1945: Historiker schätzen, dass bis zum Ende des Krieges mindestens 250.000 – möglicherweise sogar über 500.000 – Sinti und Roma von den Nazis und ihren Kollaborateuren ermordet wurden.
Nach dem Krieg kämpften die überlebenden Sinti und Roma um Anerkennung und Wiedergutmachung. Die westdeutsche Regierung erkannte diesen Völkermord erst 1982 offiziell an. Die Diskriminierung der Sinti- und Roma-Gemeinschaften hält in Europa bis heute an.
Besuch der Gedenkstätte
Standort und Wegbeschreibung
Das Denkmal befindet sich im Tiergarten im Zentrum Berlins, südlich des Reichstagsgebäudes und in der Nähe des Brandenburger Tors. Die nächstgelegenen Haltestellen sind:
Bus: Reichstag/Bundestag (Berlin) mit der Buslinie 100
Straßenbahn: Platz der Republik auf den Straßenbahnlinien M41, M85 und M5
S-Bahn und U-Bahn: Station S+U Brandenburger Tor, bedient von den S-Bahn-Linien S1, S2, S25 und S26 sowie der U-Bahn-Linie U5
Das Denkmal ist von jeder dieser Haltestellen aus nur einen kurzen Fußweg vom Tiergarten entfernt. Folgen Sie den Schildern zum „Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas”.
Barrierefreiheit
Der Besuch der Gedenkstätte ist kostenlos und sie ist rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche geöffnet. Die Anlage befindet sich im Freien und ist weitgehend rollstuhlgerecht, mit gepflasterten Wegen, die zur zentralen Gedenkstätte führen. Es gibt keine öffentlichen Toiletten oder Besuchereinrichtungen vor Ort.
Was Sie erwarten können
Wenn Sie am Denkmal ankommen, nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um die friedliche Umgebung des Tiergartens auf sich wirken zu lassen. Das Denkmal befindet sich auf einer von Bäumen umgebenen Lichtung, die eine kontemplative Atmosphäre schafft.
Verbringen Sie etwas Zeit damit, um den runden Pool herumzulaufen, das in den Rand eingravierte Gedicht zu lesen und der Violinenmusik zu lauschen. Beobachten Sie das Spiel von Licht und Schatten auf der Wasseroberfläche und dem dreieckigen Stein in der Mitte.
Die Informationstafeln rund um die Gedenkstätte geben einen Überblick über die Chronologie der Verfolgung der Sinti und Roma. Sie sind in deutscher und englischer Sprache verfasst. Wenn Sie sie lesen, erhalten Sie wertvolle historische Hintergründe zum Verständnis der Gedenkstätte.
Im Oktober 2022 wurde die Gedenkstätte um eine Freiluftausstellung erweitert. Sie umfasst biografische Tafeln, die die Geschichten von neun einzelnen Opfern aus der Gruppe der Sinti und Roma aus ganz Europa erzählen. Durch Scannen von QR-Codes können Sie sich auf Ihrem Smartphone animierte Kurzfilme über jedes dieser Opfer ansehen. Die Ausstellung befasst sich auch mit dem europäischen Ausmaß des Völkermords, der Geschichte des Widerstands und aktuellen Bürgerrechtsfragen.
Bitte planen Sie mindestens 30 Minuten für den Besuch der Gedenkstätte ein, um sie in vollem Umfang erleben zu können. Es gibt einige Bänke, auf denen Sie sich hinsetzen und in Ruhe nachdenken können. Denken Sie daran, dass dies ein Ort der Erinnerung ist. Nehmen Sie daher Rücksicht auf andere Besucher und sprechen Sie leise.
Tipps für Besucher
Das Denkmal befindet sich im Freien, daher sollten Sie die Wettervorhersage überprüfen und sich entsprechend kleiden. Die Steinoberflächen können bei Nässe rutschig sein.
Das Design des Denkmals lädt zum Nachdenken und sogar zur Interaktion ein (wie zum Beispiel, wenn man sein eigenes Spiegelbild im dunklen Wasserbecken sieht). Nehmen Sie sich Zeit, um sich persönlich damit auseinanderzusetzen.
Das Lesen der historischen Informationen ist entscheidend, um die Bedeutung des Denkmals zu verstehen – überspringen Sie die Ausstellungstexte nicht.
Achten Sie auf subtile Designelemente, wie die Anordnung der zerbrochenen Steine, die Orte der Verfolgung benennen. Sie offenbaren zusätzliche Bedeutungsebenen.
Das Denkmal ist am eindrucksvollsten, wenn Sie bereits über Kenntnisse zum Holocaust und zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs verfügen. Informieren Sie sich vor Ihrem Besuch über den Porajmos.
Um einen tieferen Einblick in den historischen Kontext zu erhalten, sollten Sie an der Führung „Hitlers Berlin – Aufstieg und Fall“ teilnehmen. Dieser geführte Spaziergang durch die Berliner Innenstadt führt Sie zu wichtigen Stätten der Nazizeit, darunter die Gedenkstätte für die Sinti und Roma Opfer des Nationalsozialismus. Dabei erhalten Sie detaillierte Informationen über den Aufstieg des Nationalsozialismus, die Auswirkungen der Nazi-Herrschaft auf Berlin und die Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs. Der Besuch der Gedenkstätte im Rahmen dieser Tour wird Ihre Erfahrung bereichern und Ihnen deren Bedeutung näherbringen. Die Termine der nächsten Touren und Informationen zur Buchung finden Sie auf der Website.
Das Fotografieren ist für den privaten Gebrauch gestattet, für kommerzielle Zwecke ist jedoch eine vorherige Genehmigung der Stiftung erforderlich.
Erinnerung und anhaltende Kämpfe
Das Denkmal für die Sinti und Roma Opfer des Nationalsozialismus ist ein wichtiger Ort der Erinnerung und Aufklärung, aber es ist nicht das Ende der Geschichte. Sinti und Roma sind auch heute noch in Europa erheblicher Diskriminierung, Marginalisierung und sogar Gewalt ausgesetzt.
Denken Sie über Ihren Besuch nach und informieren Sie sich über aktuelle Menschenrechtsprobleme, die Sinti und Roma betreffen. Zu den Organisationen, die sich mit diesen Herausforderungen befassen, gehören:
Zentralrat der deutschen Sinti und Roma
Europäisches Zentrum für die Rechte der Roma
Roma-Bildungsfonds
ternYpe Internationales Roma-Jugendnetzwerk
Sie können auch wichtige Gedenkveranstaltungen wie den Internationalen Tag der Roma am 8. April oder den Tag des Gedenkens an den Holocaust an den Roma am 2. August markieren. Die Teilnahme an Gedenkveranstaltungen oder die Unterstützung von Sinti- und Roma-Organisationen sind sinnvolle Möglichkeiten, die Botschaft der Gedenkstätte weiterzutragen.
Fazit
Der Besuch der Gedenkstätte für die Sinti und Roma Opfer des Nationalsozialismus ist ein eindrückliches Erlebnis, das ein Kapitel der Geschichte ans Licht bringt, das allzu oft vergessen wird. Indem wir uns gedankenvoll mit diesem Ort auseinandersetzen, ehren wir das Andenken an die Hunderttausenden von Sinti und Roma, die im Porajmos ermordet wurden, und stellen uns der anhaltenden Realität der Vorurteile gegenüber Roma.
Das Denkmal erinnert uns daran, dass die Arbeit der Erinnerung niemals beendet ist.
Wie Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, bei der Einweihung der Gedenkstätte sagte:
„Dieses Denkmal ist nicht nur eine Erinnerung an die Vergangenheit, sondern auch eine Mahnung für die Gegenwart und die Zukunft: für Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einzutreten und sich gegen Rassismus und Diskriminierung zu wehren.“